Bielawa – Breslau

Nach dem Frühstück (dieses findet stilecht im Speisesaal der Villa statt; hier haben wir gestern auch zu Abend gegessen) zahlen wir und wollen aufbrechen. Das verzögert sich allerdings etwas, da unsere Räder nicht – wie während der Nacht von vorgestern auf gestern – irgendwohin gestellt worden sind, wo wir sie selber in Empfang nehmen können. Stattdessen muss erst ein Mensch herbei geholt werden, der sie auf magische Weise herholt (und dafür nicht einmal ein Trinkgeld haben will).

Wir rollen bergab durch die Innenstadt von Bielawa, können dabei kurz einen Blick auf die Kirche wagen, deren kupferfarbenes Dach schön im Licht der Morgensonne leuchtet. Hinter der Stadt führt unsere Route abenteuerlich über Schotter vorbei an ärmlichen Häusern nach Dzierżoniów, einer Stadt ähnlicher Größe wie Bielawa – hier kommen wir aber direkt durch die schöne Altstadt mit den historischen Marktplatz.  Ein Stück nach Osten auf der großen Straße 385, die wir kurz bei Uciechów und endgültig bei Kołaczów verlassen, wo wir nach Norden auf wieder deutlich kleinere Sträßchen abbiegen. Vor uns liegt eine Hügelkette, welche wir an ihrem östlichen Rand überqueren müssen. Aufgrund des charakteristischen Ausschlags im Höhenprofil der heutigen Etappe haben wir dieser Stelle den Namen „der Pickel“ gegeben. Das Ganze entpuppt sich als mittelhoher und nicht allzu anstrengender Hügel, an dessen Nordseite wir in die schlesische Ebene rollen.

Die Gegend hier ist stark landwirtschaftlich geprägt, überall sehen wir Leute auf dem Feld arbeiten. Die Dörfer sind eine interessante Mischung aus alten Häusern und – am Rand – modernen Villen, teilweise in einem tendenziell etwas recht überladenen und verkitschten Stil.

Bei Tyniec Mały kommen wir schnell in den direkten Einzugsbereich vom Breslau, was sich darin äußert, dass wir auf einmal auf einem extrem dicht befahrenen Autobahnzubringer unterwegs sind (aufgrund der „Maut“-Hinweisschilder befürchten wir einmal sogar kurz, auf die Autobahn selber geraten zu sein). Es folgt eine streßige Fahrt durch ein Industriegebiet mit gigantischen Einkaufszentren, gegen das sämtliche ähnliche Dinge im Umkreis von München (z.B. in Eching) winzig wirken. Hier kehren wir in einem Fast-Food-Lokal ein und befürchten das Schlimmste für die Fahrt nach Breslau selber. Glücklicherweise wird es dann viel besser als gedacht: In den Randbezirken sind die Radwege halbwegs akzeptabel, aber im inneren Bereich der Stadt sind sie wirklich toll. Dennoch ist die Navigation schwierig und wir sind froh, als wir heil unser Hotel ereichen.

Den späten Nachmittag verbringen wir zunächst damit, den zentralen Platz der Altstadt (den Rynek) anzuschauen. Nettes Detail: Über ganz Breslau sind mehr als hundert kleine Statuen von Zwergen verteilt. Diese sollen an Demonstrationen der Oppositionsbewegung „Orange Alternative“ in der 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erinnern, zu denen einige Teilnehmer im Zwergenkostüm auftauchten.

Zudem schauen wir uns südlich der Innenstadt um, wo wir den schön restaurierten alten Bahnhof (erbaut 1855 und 1904 erheblich erweitert und umgebaut) besuchen sowie – ein gutes Stück weiter südlich – den zentralen jüdischen Friedhof, auf dem unter anderem Ferdinand Lasalle begraben ist. Ein Ort der Ruhe im Trubel der Stadt, aber auch ein extrem bedrückender Ort in Anbetracht der geschehenen Geschichte (die aktuellsten Grabinschriften sind von 1941).

Auf dem Rückweg in die Innenstadt kommen wir an der sehr interessanten Skulptur „Passage“ vorbei, wo Passanten auf der einen Straßenseite im Bürgersteig verschwinden und auf der anderen Seite wieder auftauchen. Auch dieses Kunstwerk hat eine politische Bedeutung, denn es wird als Erinnerung an das im Dezember 1981 ausgerufene Kriegsrecht und die damalige Untergrundbewegung gesehen.

Zurück in der Innenstadt essen wir in einem sehr guten Restaurant Piroggen zu Abend und gehen dann müde zurück ins Hotel.

Tageskilometer: 73.45, Gesamtstrecke: 809 km

 

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