Hlohovec – Bratislava

Leider hat sich gestern Abend eine Mücke ins Hotelzimmer geschmuggelt, so dass wir ziemlich zerstochen aufwachen. In Kombination mit dem spartanischen Frühstück (die Kanne, die laut Beschriftung Kaffee enthalten soll, gibt nur kalten Tee – und wir hatten uns noch gewundert, wieso neben den unbenutzten Tassen drei mit kalten Tee gefüllte Exemplare stehen…), dem insgesamt sehr leblosen Hotel und der nicht wirklich interessanten Stadt hinterlässt die Übernachtung in Hlohovec ein etwas fades Gefühl. Im Nachhinein betrachtet hätten wir gestern vielleicht noch die etwa 30 km bis ins deutlich größere Trnava weiter fahren sollen. Aber hinterher ist man immer klüger.

Wir füllen an einer Tankstelle unsere Getränkevorräte auf und rollen dann los. Zuerst auf einer großen Brücke über die Váh und dann immer nach Süden bzw. Südwesten. Die Strecke ist absolut eben und wir kommen zunächst sehr gut voran. Die Straßen sind recht klein, es sind wenige Autos unterwegs. Das Wetter ist deutlich schlechter als gestern und uns begleiten von Anfang an dichte Wolken. Nach einiger Zeit beginnt es mehr oder weniger stark zu regnen – mit Regenklamotten aber auch kein Problem. Wir kommen durch viele kleine Dörfchen, jedes mit einer schönen Kirche. Voderady, nach etwa 35 km überrascht uns mit einem hübschen kleinen Schloss, welches leider ziemlich heruntergekommen ist.

Hinter Voderady führt die Strecke auf einen nicht asphaltierten Feldweg und die kommenden Kilometer werden eklig, da es sich nicht durchgehend um Schotter handelt, sondern es nach einiger Strecke recht schlammig wird und wir ziemlich umherrutschen und -schliddern. Wir erreichen zwar wieder wohlbehalten Asphalt, aber nun ist für einige Zeit die Luft raus: Die Räder und teilweise wir selber sind verschlammt, starker Regen von oben und es kommt zusätzlich noch ein heftiger Gegenwind dazu. Dieser wird so heftig, dass wir hinter dem trubeligen und autoreichen Senec anfangen, die Führungsposition durchzurotieren (bisher hat es sich immer recht zufällig ergeben, wer vorne fährt und wer dahinter). Das hilft und wir kommen trotz aller Widrigkeiten gut bis zum Flughafen von Bratislava, welcher von einem Radweg halb umrundet wird. Ein idealer Platz zum Planespotten ist dieser Flughafen allerdings nicht, dafür ist zu wenig los. Wir pausieren ein wenig und sehen immerhin ein startendes Privatflugzeug und einen landenden Jet einer uns bis dato völlig unbekannten Gesellschaft. Nachdem es fast zu regnen aufgehört hat, versuchen wir auch, notdürftig unsere Räder etwas zu entschlammen (schließlich ist für sie ein Platz in einem Hotelgepäckraum reserviert).

Die Einfahrt nach Bratislava selber verläuft zunächst auf kleinen Sträßchen, teilweise parallel zu einem schönen Park. Dann kommen wir auf eine große Einfallsstraße, welche wohl mal als repräsentativ geplant war, nun aber irgendwie ärmlich wirkt, mit Plattenbauten links und rechts sowie bröckelnden und schlaglochübersäten Bordsteinen bzw. Fuß- und Fahrradwegen. Je mehr wir uns der Innenstadt nähern, desto urbaner wird es, aber der Gesamteindruck ist tendenziell immer noch ein bisschen heruntergekommener, als es bei den meisten Städten in Tschechien oder Polen war.

Dieser Eindruck ändert sich aber schlagartig, als wir die eigentliche Innenstadt erreichen. Diese ist wunderschön und toll hergerichtet. Unser eigentlich vorgebuchtes Hotel hat uns vor ein paar Tagen mitgeteilt, dass sie uns in ein anderes Hotel umbuchen mussten, da ein voriger Gast unser Zimmer demoliert hat. Aber auch das Ausweichquartier liegt recht zentral und nachdem wir uns frisch gemacht haben, bleibt viel Zeit für einen Stadtbummel. Ein Höhepunkt ist – neben den schönen Altstadtgassen – die auf einen Hügel liegende Burg sowie der Ausblick von dieser auf die Stadt. Zudem sehen wir mit Freude, aber auch mit etwas Wehmut, zum ersten Mal seit Regensburg die Donau wieder. Zum ersten Mal seit längerem besitzen wir als Fernradler auch keinen Exotenstatus mehr, denn der Verkehr von mit Packtaschen beladenen Rädern entlang der Donau ist beträchtlich.

Tageskilometer: 83.15, Gesamtstrecke: 1592 km

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Bojnice – Hlohovec

Die Wände des Hotels sind extrem dünn. So wurden wir gestern Abend noch einige Zeit vom Streit des Pärchens im Nebenzimmer wachgehalten. Dafür werden die beiden heute Morgen um 6:30 Uhr von unserem Weckerklingeln mitgeweckt. – Ausgleichende Gerechtigkeit…

Nach dem Frühstück müssen wir unsere Räder noch ein Stückchen den Burgberg hinauf bewegen, dann können wir ins Tal der Nitra hinunterrollen. Zunächst geht unsere Fahrt nun auf einem kleinen Sträßchen zwischen Fluss und Waldrand durch grüne Wiesen. Es könnte hier wunderschön sein, wäre nicht alles voll von Hochspannungsleitungen.

In Novaky müssen wir dann auf die erste größere Straße des Tages. Direkt hinter dem Ortsausgang kommen wir dann an einer Radarfalle (für Radfahrer eher kein Problem), einem großen Kraftwerk und mehreren Baustofffabriken vorbei. Auch die weitere Fahrt geht vorbei an weiteren Industrieanlagen und eher unattraktive Dörfer. Der Autoverkehr ist recht stark, aber zumindest außerhalb der Ortschaften gibt es immer einen schön breiten Seitenstreifen. Einmal kommt uns auf dem Seitenstreifen der Gegenfahrbahn ein Handwagen mit einem Kleiderschrank entgegen. Ein wenig beruhigt uns das, dass wir als Radfahrer nicht unbedingt die störendsten Verkehrsteilnehmer auf dieser Straße sind.

Bei Patizanske beschließen wir spontan, einem Wegweiser Richtung Zentrum nachzufahren. Dieses Zentrum entpuppt sich dann als eine Art sozialistischer Musterstadt mit breiter Prachtmeile mit Park und repräsentativen Betonklötzen.

Hinter der Stadt geht es dann auf einer geringfügig kleineren Straße weiter. Der Verkehr ist aber nur wenig schwächer und es gibt auch keinen Seitenstreifen mehr, dafür wird die Landschaft aber schöner und auch die Dörfer, durch die wir nun kommen haben einen deutlich ländlicheren Charakter. Etwa bei Tageskilometer 50 können wir die große Straße dann endlich verlassen. Welch eine Wohltat nicht mehr die ganze Zeit brummende Autos neben sich zu haben!

Wir queren die Nitra und biegen wenig später wieder nach Süden ab. Das Tal hat sich nun stark aufgeweitet und ist viel flacher geworden. Flacher heißt aber nicht eben. Das bedeutet für den Radfahrer zunächst einen mal mehr mal weniger steilen Hang hinauf zu strampeln. Oben hat man dann die Sicht auf Mais- und Zuckerrübenfelder, so weit das Auge reicht, zwischendrin auch mal ein Dorf mit einem Wasserturm, der in einem alten Science-Fiction-Film ein UFO spielen könnte. Dann rollt man wieder nach unten und das ganze Spiel beginnt von vorn.

Gegen Hlohovec zu werden diese Hügel wieder höher. Wenige Kilometer vor der Stadt führt die Straße in den Wald. Ab hier geht es stetig nach oben. Zunächst nur flach, dann immer steiler, bis wir endlich den höchsten Punkt erreichen. Nun geht es ähnlich steil hinab ins Tal. Vor uns sehen wir Hlohovec liegen. Wie die meisten slowakischen Städte bisher, ist auch diese keine Schönheit: Ein Meer von Plattenbauten (zum Großteil aber schön renoviert) und Industrieschornsteinen, dazwischen ragen ein paar verschüchterte Kirchtürme hervor.

Wir fahren zunächst zum Hauptplatz, wo wir eine kleine Mittagspause einlegen. Dann umrunden wir einmal die Kirche – und damit ist es an Sightseeing auch schon getan. Wir wollen noch schnell einen Supermarkt aufsuchen, um uns ein paar Getränke zu besorgen. Allerdings haben wir nicht die im Vergleich zu den Nachbarländern deutlich rigideren Ladenöffnungszeiten der Slowakei bedacht: Am Samstag schließen die meisten Läden um zwölf. Einzig die Tankstelle und der Lidl haben noch geöffnet. Na ja, für unsere Zwecke reicht das. Zum Hotel müssen wir dann noch mal einen Berg hinauf, dann können wir uns aber den ganzen Nachmittag erholen.

Tageskilometer: 90.49, Gesamtstrecke: 1509 km

Martin – Bojnice

Das Wetter präsentiert sich heute wolkig. Nach dem gestrigen Sonnenbrandwetter eine willkommene Abwechslung. Eigentlich das ideale Radfahrwetter. Vor allem die Berge ringsum sind wolkenverhangen.

Wir verlassen Martin auf Radwegen, die deutlich besser sind als das, über was wir uns gestern quälen mussten. Dennoc ist es sehr holprig und wir sind fast froh, als wir auf eine Schnellstraße abbiegen können, vor allem da diese über einen angenehm breiten Seitenstreifen verfügt. Wenig später, in dem kleinen Städtchen Pribovce, verlassen wir die Schnellstraße auch schon wieder. Im hiesigen Supermarkt decken wir uns auch noch einmal mit Getränken ein.

Dann geht es auf einer kleinen Nebenstraße hinauf, auf einen kleinen Höhenrücken und diesen entlang, durch Wiesen und Felder. Rechts vor uns können wir schon den Höhenzug erkennen, den wir gleich überqueren müssen. Noch können wir nicht erkennen, wo es durchgehen soll. Wir fahren wieder ein wenig hinunter, überqueren die Schnellstraße nach Prievidza und fahren nun direkt auf die Berge zu.

Hinter Klaštor pod Znievom, einem kleinen Dorf, das stolz auf Transparenten verkündet, dass es vor 900 Jahren gegründet wurde, kommen wir in den Bergwald. Die Straße steigt nun sanft aber stetig an. Ab und zu öffnet sich der Wald auf Almwiesen voller weidender Ziegen. Hinter der Abzweigung nach Vricko wird der Straßenzustand ein wenig schlechter, der ohnehin schon spärliche Verkehr nimmt fast ganz ab, nur fast an der Passhöhe begegnen uns ausgerechnet zwei Straßenkehrmaschinen. Nun wird die Straße Stück für Stück steiler, doch schließlich erreichen wir den höchsten Punkt. Hier legen wir eine kleine Pause ein. Auf dem Wegweiser, der hier steht, erkennen wir, dass wir den Europäischen Fernwanderweg E8 kreuzen.

Nun können wir das Rad ersteinmal rollen lassen. Es geht zunächst hinab durch ein schönes waldiges Tal. Unten treffen wir dann wieder auf eine Fernverkehrsstraße, der wir erstmal folgen. Wir befinden uns nun in einem offenen Talkessel, stark zersiedelt mit viel Industrie (wir sehen vor allem Glasereien). Nach einigen Kilometern können wir die Schnellstraße dann wieder verlassen. Es folgt nun ein überraschend guter Radweg bis nach Prievidza.

Da wir noch sehr früh dran sind, legen wir hier in einem Einkaufzentrum eine ausgedehnte Mittagspause ein. Zunächst ein Einkauf im Supermarkt, dann Mittagessen in einer Dönerbude. Döner bestellen ist international: „Mit allem und (nicht) scharf“ – diese Verständigung klappt auch, wenn die Beteiligten über keine gemeinsame Sprache verfügen.

Bei der Weiterfahrt können wir schon das Schloss von Bojnice vor uns erkennen. Es hat gewisse Ähnlichkeit mit einem Disneyschloss: Der letzte Burgherr hat Ende des 19. Jahrhunderts die ursprünglich gotische Burg zu einer Art Neuschwanstein umgebaut. Unser Hotel liegt direkt neben dem Schloss. Trotz der frühen Uhrzeit ist unser Zimmer schon fertig, so dass wir einchecken und uns frisch machen können.

Dann geht es hinüber zum Schloss. Dort erfahren wir, dass die (einzige?) englischsprachige Führung vor einer Stunde war, wir dürfen uns aber einer slowakischen Führung anschließen und bekommen eine deutschsprachige Broschüre verkauft, die (wahrscheinlich) die gleichen Informationen enthält, die auch die nette Fremdenführerin erzählt. Auch von innen hat das Schloss eine gewisse Ähnlichkeit mit Neuschwanstein, wirkt aber insgesamt wohnlicher. Nach der Führung machen wir noch einen kleinen Spaziergang rund um das Schloss. Anscheinend ist Bojnice eine der Hauptattraktionen der Slowakei (ohne, dass wir vor der Planung unserer Reise je davon gehört hatten) und so sind außenherum allerhand andere Attraktionen aus dem Boden geschossen: ein Zoo, ein Dinopark, ein Schwimmbad und unzählige Büdchen, die allen möglichen Kitsch verkaufen.

Der Abend wird richtig schön: Nach dem Essen in einem Gartenrestaurant lauschen wir vor dem Kulturzentrum in der kleinen Fußgängerzone noch dem Konzert eines Gitarrenduos und machen dann noch einen Mondscheinspaziergang um das Schloss.

Tageskilometer: 59.61, Gesamtstrecke: 1418 km

Vitanova – Martin

Zweite Verlustmeldung der Reise: Ein Brillenglas hat einen ungeplanten Kontakt mit dem Badezimmerboden nicht ohne Schäden überstanden. Die Splitter werden glücklicherweise durch den Brillenrahmen zusammengehalten, so dass wir mit Glück damit noch heim kommen. Und für den Notfall gibt es immer noch die Sonnenbrille in Sehstärke. Ein Gutes hat das Ganze: Der schon vor zwei Jahren wegen Geiz verschobene Austausch der Brille ist nun endgültig fällig.

Nach dem Frühstück brechen wir auf und treffen auf dem Hotelparkplatz den uns aus seinem Privatauto fröhlich zuwinkenden und sich offensichtlich auf dem Heimweg befindlichen Mitarbeiter, bei dem wir gestern eingecheckt haben. Hat der arme Mensch seit gestern Nachmittag durchgehend Dienst gehabt?

Die nächste größere Ortschaft hinter Villanova ist Trstená, welche wir als recht unauffällig in Erinnerung behalten werden, und als nächstes kommen wir nach Tvrdošín. Hier machen wir eine Pause an der schönen alten Holzkirche, welche sogar Teil des UNESCO-Weltkulturerbes ist (als Teil der „Holzkirchen im slowakischen Teil der Karpaten“). Das Gebäude stammt ursprünglich aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, wurde im 17. Jahrhundert im Renaissancestil hergerichtet und vor etwa 40 Jahren komplett restauriert. Wir bestaunen ausgiebig die alten Wandgemälde und den barocken Altar und brechen dann wieder auf.

Hinter Tvrdošín folgt unsere Stecke im Großen und Ganzen dem Tal der Orava, welches sich im Norden noch recht weit und offen zeigt und im Süden sehr eng, mit steilen waldbewachsenen Hängen auf beiden Seiten. Zudem folgt die Strecke mehreren Schnellstraßen, denen wir zwar – so gut es geht – auszuweichen versuchen, aber überall geht das nicht. Zum Glück kommt einige Kilometer vor Martin ein breiter Seitenstreifen dazu, der das Wohlbefinden von Fahrradfahrern doch stark verstärkt.

Was uns paradoxerweise sehr gut gefällt, sind die Stellen, an denen die Straße zur Autobahn ausgebaut ist, da es dann immer auch eine ältere Parallelstrecke gibt, die pittoresk und fast ohne Verkehr durch schöne Ortschaften führt.

Die größte dieser Ortschaften ist Dolný Kubín, eine zwar recht stark industriell geprägte aber im Innenstadtbereich auch sehr hübsche Stadt. Wir machen auf dem Hauptplatz eine kurze Pause.

Auf einem weiteren der fast autofreien Abschnitte erleben wir eine besondere Überraschung, als wir eine uns vorher unbekannte aber extrem schöne Sehenswürdigkeit entdecken: die Burg von Oravský Podzámok. Das schrittweise vom 13. bis zum 17. Jahrhundert errichtete Bauwerk thront majestätisch auf einer Felsklippe mehr als 100 Meter über dem Fluss. Hier wurden im Jaht 1921 Aufnahmen für den Film „Nosferatu“ gedreht und zudem ist die Burg die Vorlage für den Wohnsitz der Hexer in den „Witcher“-Computerspielen. Leider haben wir für einen Besuch keine Zeit, schauen uns das Bauwerk aber ausgiebig von allen Seiten aus an.

Bei Kilometer 72, also nur etwa 25 km von unserem Tagesziel entfernt und im engsten Teil des Tals der Orava kommen wir zu einem Rasthaus und entscheiden uns zu einem kurzen Imbiss. Wir entscheiden uns allerdings schnell um, als wir die als Folge der Ankuft eines Reisebusses entstandene Schlange an der Essensausgabe sehen. Diese Entscheidung bereuen wir noch ganz leicht, als wir kurz darauf zwar die Schnellstraße verlassen können (freu!), dann aber feststellen müssen, dass in der Slowakei offiziell deklarierte Radwege aus Spuren in einer Wiese bzw. einer Ansammlung von groben Gesteinsbrocken bestehen können. Das Fahren ist anstrengend, dauert elendig lange und wir lassen auf dem letzten Stück nach Martin hinein weit mehr Körner, als wir vorher gedacht hätten.

Martin selber ist eine flächenmäßig recht große Stadt mit einem relativ dazu gesehen sehr kleinen Innenstadtbereich. Unser Hotel liegt direkt an diesem Bereich, was uns gleich nach der Ankunft eine kurze Besichtigung ermöglicht: Wir besuchen zuerst den slowakischen Nationalfriedhof. Zu unserer großen Schande müssen wir gestehen, dass wir keine der hier begrabenen prominenten Personen kennen. Eine schöne Idee ist die Gedenkstätte für verstorbene slowakische Olympiasieger in Form einer großen Platte mit fünf in der Anordnung der olympischen Ringe darauf liegenden Gesteinsbrocken. Nach dem Friedhof schauen wir uns noch die Fußgängerzone an und essen dort gut und reichlich zu Abend.

Tageskilometer: 99.41, Gesamtstrecke: 1359 km

Skomielna Czarna – Vitanova

Nach einem guten Frühstück geht es wieder los – zunächst etwa 100 Höhenmeter bergab, heraus aus dem Seitental, in dem unser schönes Hotel liegt. Hatten wir bisher nur Begegnungen mit laut bellenden Hunden hinter Zäunen oder friedlichen Hunden direkt an der Straße, wird es heute nur wenige Meter nach dem Aufbruch intensiver: Ein laut kläffendes Vieh (will es nur spielen oder doch eher zubeißen?) rennt in einen Affenzahn neben uns her. Da es bergab geht, können wir glücklicherweise einfach schnell beschleunigen, und mehr als 30 bis 35 km/h packen die kurzen Beine des Kläffers offensichtlich nicht und dieser bleibt rasch hinter uns zurück…

Wieder im Tal der Krzczonówka (ein kleiner Nebenfluss der Raba) folgen wir der Straße, über die wir gestern gekommen sind, weiter nach Süden. Netterweise sind heute deutlich weniger Autos unterwegs als gestern. Bei Łętownia biegen wir auf eine kleinere Straße und kommen an einer schönen Holzkirche vorbei.

In folgenden kommen wir durch eine wirklich schöne Mittelgebirgslandschaft. Das hat allerdings auch zur Folge – zumindest wenn man auf kleineren Straßen unterwegs ist – dass es stetig bergauf und bergab geht. Wir kommen zwar gut voran, müssen aber immer wieder ziemlich pumpen. Die Abfahrten an der jeweils anderen Seite der Hügel entschädigen zwar, können heute aber nur mit gedrosseltem Tempo genommen werden, da wir zum zweiten Mal (nach der allerersten Etappe) richtig in Regen kommen und die Fahrbahn daher feucht ist. Zudem ist der Asphalt nicht immer perfekt und in der einen oder anderen Kurve liegen Kiesel. Zum Glück lässt der Regen bald wieder nach.  Es hängen dennoch weiter dicke Wolken am Himmel, welche den Blick auf die nicht weit entfernten Gipfel der hohen Tatra nahezu komplett abschneiden. Lediglich ganz am Ende der Etappe, schon in der Slowakei, können wir im Süden imposante Felswände erahnen.

Aber wieder zurück nach Polen: Ab Raba Wyżna können wir aufgrund der geographischen Gegebenheiten unser Ziel, uns von großen Straßen fernzuhalten, nicht mehr durchsetzen und kommen auf eine der wichtigsten Verbindungen nach Zakopane.  Diese führt uns zuerst über einen Berg und danach stetig aber recht angenehm dauerhaft bergauf nach Chochołów. Das ist eine hübsche Ortschaft mit vielen historischen Holzhäusern und ein gern angesteuertes Zwischenziel bei Tagesausflügen (mit dem Auto…) von Krakau nach Zakopane. Das Ambiente leidet aber leider ein bisschen an der mitten durch den Ort führenden Hauptstraße, auf der zeitweise im Sekundentakt Autos und große LKW vorbeidonnern. Hier wäre ein verkehrsberuhigter Innenstadtbereich wirklich sinnvoll. Wir geben im örtlichen Supermarkt so weit möglich unsere letzten Zloty aus und machen am Platz vor der schönen Kirche eine ausgedehnte Pause.

Wir verlassen das Zentrum von Chochołów, fahren ein kurzes Stück auf einem landwirtschaftlichen Weg, müssen noch ein bisschen bergauf und kommen dann in die Slowakei. Aus dem Land der Skleps (polnisch für „Laden“ und aufgrund dessen Vorhandenseins von gekühlten Getränken eine bei durstigen Radlern immer gerne gesehene Hausbeschriftung) zurück in ein Land der Potravinys (tschechisch und slowakisch für „Lebensmittelgeschäft“, bei durstigen Radlern auch sehr gerne gesehen). Zudem kommen wir mit dem Grenzübertritt endgültig zurück in die Eurozone.

Zwischen uns und unserem Hotel liegen nun nur noch wenige Kilometer und hinter der Ortschaft Hladovka das vom Flüsschen Jeleśna eingeschnittene Tal (mit zwölfprozentiger Abfaht auf der einen Seite und identisch steilem Anstieg danach). In der Ortschaft Vitanova, nur wenig später biegen wir von der großen Straße ab und kurbeln noch ein paar Kilometer zu unserer Unterkunft für die kommende Nacht.

Tageskilometer: 63.36, Gesamtstrecke: 1259 km

Krakau – Skomielna Czarna

Wir satteln unsere Fahrräder, die den gestrigen Tag im Konferenzraum des Hotels verbringen durften (je edler das Hotel, desto souveräner der Umgang mit ungewöhnlichen Verkehrsmitteln zur Anreise – Unser Hotel in Krakau hätte vermutlich auch ein Kamel oder einen fliegenden Teppich untergebracht) und fahren quer durch die Altstadt hinunter zum Weichselufer. Hier kommen wir noch einmal am Wawel-Drachen vorbei, den wir gestern schon besucht haben. Dadurch, dass wir früher unterwegs sind und dass heute kein Feiertag ist, ist hier nun deutlich weniger Betrieb.

Hinter der Grünwaldbrücke verlassen wir die Weichsel wieder und biegen ab ins Kazmierz, das alte Judenviertel von Krakau. Wir haben dieses zwar gestern schon vom Bus aus gesehen, wollen unsere Eindrücke aber vertiefen. Das Viertel bietet eine interessante Mischung: auf der einen Seite die alten Synagogen, dazwischen jüdische Restaurants, die zum Beispiel Gefillte Fisch anbieten, andererseits entwickelt sich das Viertel in den letzten Jahren mehr und mehr zum Szeneviertel, so dass es hier auch jede Menge Kneipen und bunte Cafés gibt.

Nachdem wir uns satt gesehen haben, überqueren wir die Weichsel. Hier besuchen wir zunächst noch den Platz der Ghettohelden. Hier erinnert ein Mahnmal aus 70 leeren Stühlen an die deportierten und ermordeten Juden. Zuletzt fahren wir noch vorbei an der ehemaligen Fabrik Oskar Schindlers. Hier ist seit wenigen Jahren ein multimediales Museum untergebracht, dass das Leben in Krakau während der deutschen Besatzung beschreibt. Wir überlegen, ob wir das Museum besuchen, nehmen aber angesichts der langen Schlange davor und der recht anstrengenden Etappe, die heute noch vor uns liegt, davon abstand und besichtigen nur das Fabriktor und die dort ausgestellten Fotos der von Schindler geretteten Juden.

Nun wollen wir Krakau verlassen, treffen aber gleich auf der nächsten größeren Straße auf einen langen Stau. Mit Rädern ist es aber relativ leicht, eine Umfahrung zu finden (zur Not, schiebt man halt über den Gehweg entgegen einer Einbahnstraße) und als wir wieder auf die große Ausfallstraße treffen, ist der Stau zwar immer noch da – aber auch ein schöner Radweg nebendran.  Auf diesem fahren wir nun Richtung Stadtausgang, der sich in einem Gewerbegebiet voller Kinokomplexe, Supermärkte und sonstiger Großmärkte manifestiert.

Hier können wir auf eine Nebenstraße abbiegen. Bald geht es steil bergauf und die nächsten Kilometer folgt ein lustiges bergauf-bergab. Die Gegend ist zwar waldig, aber dicht besiedelt: immer wenn man denkt, jetzt sind wir aus dem zersiedelten Gebiet heraus, taucht die nächste Villa, der nächste Hof, die nächste Datscha oder gleich ein ganzes Dorf auf.

Kurz vor Myslenice verlassen wir den Wald und haben wieder freie Sicht auf die Berge vor uns, die nun viel näher gerückt sind. Die Landschaft erinnert uns ein wenig an den Bayrischen Wald. Auf dem Rynek von Myslenice legen wir eine Mittagspause ein. Für eine Kleinstadt gibt es hier auffällig viele Tauben, der ganze Platz, der nicht gerade klein ist, ist voll davon.

Hinter Myslenice fahren wir auf einer kleinen Straße parallel zur Autobahn ins Tal der Raba. Bald löst sich die Straße von der Autobahn und läuft auf der anderen Flussseite durch kleine Dörfer und Wäldchen. In einer Tankstelle in Pcim wollen wir eigentlich die Reifen unserer Fahrräder aufpumpen, doch der dortige Kompressor hat wohl irgendein Problem: anstatt den Reifen mit Luft zu füllen, tut er lange Zeit gar nichts und wirft dann bei jedem Versuch eine andere Fehlermeldung aus. – Dann eben nicht – und wir haben ja auch einen kleinen Luftdruckprüfer und eine Pumpe mit dabei…

Kurz darauf biegen wir in ein Seitental ab. Mit leichtem Bedauern: geradeaus ginge es weiter nach Zakopane, in die wirklich hohen Berge. In unserer ursprünglichen Planung wären wir dort hin gefahren – und von da an weiter nach Budapest um dort auf den Donauradweg zu treffen. Aber für diese Route hätten wir drei Tage mehr benötigt und die hatten wir, nach vorne durch ein Chorkonzert Katharinas und nach hinten durch eine Tagung Dirks, eingeschränkt nicht.

Die Straße steigt nun stetig an, aber nicht zu steil, so dass wir gut voran kommen. In einen Supermarkt füllen wir unsere körperinternen und unsere externen Flüssigkeitsvorräte wieder auf. In einem Nachbargarten dieses Supermarkts lebt ein Hahn, dessen Schrei gut für eine Reklame für Hustenbonbons zu verwenden wäre: er beginnt, wie ein normaler Hahn um dann in undefinierbarem Gemurmel zu enden. Noch ein paar Kilometer und Höhenmeter später erreichen wir dann unser Hotel für diese Nacht und verbringen den restlichen Nachmittag in dessen Außenjacuzzi.

Tageskilometer: 66.54, Gesamtstrecke: 1196 km

Krakau

Unseren dritten Ruhetag beginnen wir mit einer Besichtigung der Krakauer Burg. Die gestern getroffene Aussage, dass es hier fast so überlaufen ist, wie in Prag, müssen wir leider bestätigen. Zumal es diverse Ticketschalter für diverse Einzelausstellungen gibt, vor denen sich mehrere hundert Meter lange Schlangen bilden, aber nirgendwo richtig beschriftet ist, wofür man sich gerade eigentlich anstellt. Im Detail läuft das dann zum Beispiel so ab: der Infostand am Ticketschalter des Schlosses (wo wir Karten für die Drachenhöhle und zwei Ausstellungen zur Geschichte des Schlosses kaufen) gibt die Auskunft, das man für die Kathedrale an einem anderen Ticketschalter bezahlen muss. Dieser andere Ticketschalter hat aber zu, wegen Gottesdienst, und öffnet erst um 12:30 wieder. Um etwa 11:45 finden wir auch vor diesem Schalter eine lange Schlange vor und brauchen noch recht lange, um rauszufinden, dass die Kathedrale selber gar keinen Eintritt kostet (dieser wird nur für ausgewählte Dinge, wie einen Blick auf die Glocke, fällig). Alles in allem gefällt uns dieser Teil der Stadt dennoch wirklich gut.

In der Folge schauen wir und per Bus verschiedene Teile der Stadt an, darunter einen auf einem Hügel gelegenen Ehrenhügel für Tadeusz Kościuszko (einen polnischen Nationalhelden, der sowohl für die Unabhängigkeit seines Landes als auch im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hat) und die Fabrik von Oskar Schindler.

Abendessen gibt es in einem sehr edlen italienischen Restaurant, etwa 15 Minuten zu Fuß von unserem Hotel entfernt. Der Heimweg im Dunklen durch die autofreien Altstadt voller fröhlicher Leute und vorbei an vielen Straßenmusikanten lässt beinahe südeuropäisches Flair aufkommen.

Nun noch – wie an den letzten Ruhetagen – ein paar Worte zur Technik. Nachdem letztes Mal die Etappenplanung dran war, folgt heute die Navigation. Wir haben – wie beschrieben – die Etappen mit Hilfe der Naviki-Webpage geplant. Zur Navigation verwenden wir ein GPS-Gerät von Garmin (Oregon 600). Dieses bietet Navigation entweder über Routen an (definiert werden der Start- und der Endpunkt sowie evtl. einige Zwischenpunkte) oder über Tracks (eine Spur von Koordinaten, ähnlich der Brotkrumenspur von Hänsel und Gretel).

Die Verwendung von Routen hört sich sehr gut an (hätte z.B. den Vorteil, dass man nach einem Verfahrer automatisch wieder zurück auf die korrekte Strecke geleitet wird). Sie scheitert aber daran, dass bei Garmin-Geräten die Zahl von Zwischenpunkten für Routen begrenzt ist; auf ein geräteabhängiges Limit, welches aber in jedem Fall zu gering ist, um eine vernünftige Fahrradroute über teilweise mehr als 100 km auf Nebenstraßen zu planen.

Also Tracks: den Track von Naviki exportieren, in die Garmin-eigene Software (Basecamp) einlesen und direkt auf das Gerät schieben. Auf diesem wird der Track als Linie angezeigt, der man nur folgen muss. Wenn man sich verfährt (oder den Track absichtlich verlässt; den Besuch bei der Jahrhunderthalle in Breslau z.B. hatten wir nicht eingeplant), muss man halt selber schauen, dass man wieder auf die korrekte Strecke kommt. Es gibt auch keine Abbiegehinweise. Das kann auf sehr entspannenden Streckenabschnitten schon mal zu komischen Situationen führen, wenn man eine Anbiegung verpasst, das aber erst später bemerkt.

Ein wirklicher Mangel von Garmin-Geräten ist, dass Tracks grundsätzlich als semitransparente violette Linien angezeigt werden. Schwer zu erkennen, und wenn die Displaybeleuchtung aus ist sowie der Radler Sonnenbrille trägt, geht definitiv gar nichts. Hier hilft ein zunächst komisch klingender Trick: Mit Hilfe von speziellen Tools (z.B. IMGfromGPX von Javawa) lassen sich Tracks in Karten umwandeln, welche aus einem transparenten Hintergrund bestehen und darüber den Track beinhalten, in beliebiger Farbkombinationen und Linienstärke (dazu muss für exotische Formate ggf. mit Hilfe eines Editors der Linirnstil in der entsprechenden .typ-Datei modifiziert werden). Unsere Tracks liegen alle in diesem Format vor, als dicke fette blau-grüne Linien.

Die Karten mit den Tracks werden dann über der Basiskarte dargestellt, hierfür verwenden wir die OpenFietsmap, eine besonders (schön) aufbereitete Variante der OpenCyclemap.

Das mag sich alles kompliziert anhören (und wurde im Frühsommer während zahlreichen Trainigsfahrten optimiert), funktioniert aber hervorragend. Durch die vorgeplante Strecke sind wir fast immer auf kleinen und autoarmen Sträßchen unterwegs und die Tatsache, dass wir mit der OpenFietsmap eine komplette Radkarte dabei haben, gibt uns – wie oben beschrieben – alle Freiheiten, die Strecke zu modifizieren.

Morgen geht es weiter, Richting Süden, Richtung Tatra. Unseren nächsten Ruhetag werden wir dann in einer Woche in Wien haben.