Oświęcim – Krakau

So edel unser Hotel sein mag (gestern Abend haben wir zum Beispiel im Jacuzi unsere müden Muskeln entspannen können), so wenig werden wir mit dem Komplex warm und auch das Frühstücksbüffet trägt nicht dazu bei, unsere Meinung zu ändern. Das ist ein wenig komisch, denn laut Gästeliste waren schon viele prominente Personen hier, inklusive Jaques Chirac und dem König der Niederlande, Willem-Alexander. Als wir gerade unser Gepäck zu den Rädern tragen, sehen wir auch, wie zwei muskelbepackte Herren mit Stöpseln im Ohr, offensichtlich Bodyguards, mit Spiegeln die Unterseite einer Limousine inspizieren. Interessant. Wer Passagier der Limousine ist, haben wir leider nicht erfahren.

Wir brechen auf und verlassen Oświęcim Richtung Nordosten, vorbei an den Nachfolgern der im zweiten Weltkrieg hier entstandenen Chemiefabriken. Wir fahren wieder auf schönen kleinen Asphaltsträßchen und kommen bald in ein Gebiet voller schöner Seen und Sümpfe. Ein Paradies für Vogelfreunde – allerdings betrifft das auch Freunde des Jagens von Vögeln, wie wir erschreckt feststellen, als in allernächster Nähe ein Schuss abgegeben wird (die auf der nebenan gelegenen Wasserfläche  Kreise ziehenden Blesshühner scheinen sich interessanterweise deutlich weniger zu erschrecken, als wir das tun).

Ab und an sind wir auch auf Schotter unterwegs, aber deutlich angenehmer (weil schlaglochfreier und steinfreier) als noch die letzten Tage über.

In Palczowice kommen wir an einer schönen alten Holzkirche vorbei, in der gerade ein Gottesdienst stattfindet. Kurz später kommen wir an die Weichsel, der wir ein gutes Stück folgen, ehe wir den Fluss bei Pasieka mit Hilfe einer winzigen Fähre überqueren. Die Fährfahrt für Autos kostet 35 Zloty; um das zu verstehen, reichen auch unsere Polnischkenntnisse aus. Von Fahrrädern ist nicht die Rede. Als wir unseren Geldbeutel zücken, winkt der Fährmann nur ab. Ok, danke.

Ab nun sind wir wieder entfernt vom Fluss unterwegs und müssen daher auch über einige (sehr flache) Hügel. Doof, weil wir heute extra langsam und muskelschonend fahren wollen, um unsere Körner für die anstrengerenden Etappen südlich von Krakau aufzuheben. Letztendlich können wir dieses Vorhaben aber sehr gut umsetzen, vor allem dank der tollen Radwege nach Krakau hinein.

In Rączna, nur noch etwa 12 km vor Krakau, machen wir an einem Supermarkt eine kleine Pause. Dummerweise wirft der Wind während unseres Einkaufs die aneinandergeketteten Räder um, wobei eine vordere Schutzblechhalterung von Katharinas Rad Schaden nimmt. Zum Glück besitzt unser (Vorsicht, es folgt – aber nicht gesponserte – Schleichwerbung) TOPEAK Alien 3 Multitool einen passenden Inbusschlüssel, um das Malheur schnell zu beheben.

Nach Krakau ist es nun nicht mehr weit. Die Fahrt in die Innenstadt gestaltet sich erstaunlich unproblematisch. Unser Hotel ist super, ein absoluter Glücksgriff, und direkt am zentralen Platz (Rynek) der Stadt gelegen. Wir machen uns frisch, werfen uns kurz in den hoteleigenen Pool und schauen uns dann im Innenstadtbereich um. Alles sehr hübsch, wenn auch nahezu so schlimm überlaufen wie Prag. Wir freuen uns sehr auf unseren morgigen Ruhetag hier.

Nach einem sehr guten Abendessen lassen wir den Tag in der Dachbar des Hotels ausklingen, mit Blick auf den Rynek und die Marienkirche.

Tageskilometer: 67.21, Gesamtstrecke: 1129 km

 

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Gliwice – Oświęcim

Da wir heute eine eher kürzere Etappe vor uns haben, können wir ein klein wenig länger (naja, letztendlich handelt es sich um 15 Minuten mehr) im Bett liegen bleiben. Der nette Hotelangestellte, der gestern unsere Räder im Gepäckraum verstaut hat, hat auch heute wieder Dienst und fängt ein sehr fachkundiges Gespräch über unsere Route und die Räder an.

Nach der Verabschiedung versuchen wir, Gliwice wieder zu verlassen. Das gelingt im Großen und Ganzen sehr gut, auch wenn die mit Hilfe von OpenCyclemap geplante Route einmal über den eigentlich mit einer Schranke abgesperrten Hinterhofparkplatz eines Universitätsgebäudes führt.

Kurz hinter dem Stadtausgang fahren wir den eintausendsten Kilometer unserer Reise und kommen kurz darauf an dem Förderturm einer Kohlemine vorbei. „Ah, ein altes Industriedenkmal“ denken die beiden dummen Bayern und sind baff erstaunt, als hinter der nächsten Kurve eine Gruppe von etwa vierzig Bergleuten mit geschwärztem Gesicht steht; scheinbar war unter Tage gerade Schichtwechsel.

Noch baffer erstaunt sind wir, als etwas später auf einem schönen Radweg, direkt an einem Biergarten, eine Ziege auf der Route steht. Streicheln lassen will sie sich aber nicht.

Deutlich später, fast schon in Oświęcim, kommen wir zu zwei weiteren tierischen Begegnungen: Im abgemähten Feld neben der Straße, keine hundert Meter entfernt, pickt seelenruhig ein Storch nach seinem Futter. Und etwas später steht – noch viel näher – ein Reh im hohen Gras, betrachtet uns (wir sind stehengeblieben) erstmal neugierig, entscheidet dann aber doch, zu erschrecken und wegzuhüpfen.

Ansonsten führt unsere Route weiter durch sanft hügelige Landschaften, über weite Strecken landwirtschaftlich genutzt, und viel Wald. Neu nun aber auch, dass wir direkt an riesigen Kohleminen, Stahlhütten und Kohlekraftwerken vorbeikommen.

Kurz vor Oświęcim verlassen wir Schlesien. Die Stadt begrüßt uns mit extrem unübersichtlichen Kreisverkehren und extrem viel Verkehr. Wir schlagen uns zu unserem Hotel durch, machen uns frisch und brechen wieder auf. Denn wir haben uns zu einer Führung durch diejenige Einrichtung angemeldet, durch den der deutsche Name dieser Stadt zu trauriger Berühmtheit gelangt ist: das Konzentrationslager Auschwitz.

Die Führung startet am sogenannten Stammlager, dem zentralen und zuerst errichteten Teil des Konzentrationslagers. Die Führerin führt uns etwa 90 Minuten durch verschiedene Barracken und gibt einen sehr informativen Überblick über die Geschichte des Lagers und was hier geschah. Wir wollen in diesem Rahmen nicht detailliert darüber schreiben; denn dieses Thema ist einfach zu bedrückend. Nach den ersten Teil der Führung geht es mit dem Bus ins etwa 3 km entfernte – viel größere – Lager Auschwitz-Birkenau. Auch hierzu kein längerer Bericht, man möge es verzeihen. Dennoch sind wir froh darüber, diese extrem lehrreiche Besichtigung gemacht zu haben.

Tageskilometer: 67.12, Gesamtstrecke: 1062 km

 

 

 

Opole – Gliwice

Heute haben wir einen ersten Verlust zu vermelden, und zwar handelt es sich um eine Flasche Nivea-Sonnencreme, Schutzfaktor 50, welche jetzt vermutlich irgendwo zwischen Ligota Dolna und Oleszka am Straßenrand liegt, nachdem sie im Verlauf einer Pause auf dem Gepäckträger liegen gelassen wurde. Naja, halb so schlimm, denn die Flasche war eh‘ schon fast leer.

Pausen haben wir heute mehr gemacht als gestern, da deutlich mehr (eigentlich recht flache) Anstiege auf der Route lagen, welche in Kombination mit dem im Verlauf der ersten etwa 50 km recht strammen Gegenwind doch ziemlich anstrengend war. Allgemein ist die Landschaft deutlich hügeliger als noch gestern, intensiv landwirtschaftlich genutzt und durchsetzt von größeren Waldstücken. Irgendwann kamen wir dann trotz Hügel und Wind auch gut ins Rollen.

Und dass wir überhaupt Sonnencreme benötigt haben, demonstriert, dass das Wetter in Polen momentan besser ist, als das, was wir aus Deutschland so hören: Die Temperaturen sind zwar deutlich niedriger als das, was man im August erwarten würde, aber der Himmel war heute blau, allerdings durchsetzt von einer stark schwankenden Zahl von Wolken.

Nach dem Aufbruch konnten wir zunächst wunderschön der Oder folgen, aber leider sind halt – wie schon festgestellt – die Radwege hier in den großen Städten hervorragend aber außerhalb oft miserabel. Durch den Wald von Kosorowice (mit einer Ehrentafel für den preußischen Forstmeister Ehrenstein) ging es recht rumpelig aber gut voran, aber später, kurz vor Gliwice, hatten wir dann wieder alle Arten von Straßenbelag, die man sich vorstellen kann (unter anderem sehr interessante und das Rad sehr durchrüttelnde hexagonale Beton-Kopfsteinpflaster-Platten) und uns auch noch beim wilden Kurven um wegbreite Pfützen auf einem ausgeschilderten „Radweg“ Brennnessel-Verbrennungen an den Händen geholt, als wir durch das Gestrüpp am Wegesrand gestreift sind.

Ansonsten war es aber eine schöne Etappe: In der Gegend um Kosorowice durften (wie häufig in Oberschlesien) nach dem Krieg größere deutsche Bevölkerungsteile ansässig bleiben, so dass die Ortsschilder zweisprachig sind. Ein interessanter Anblick, zumal die beiden angeschriebenen Ortsnamen sich meist nicht wirklich dramatisch voneinander unterscheiden.

Entlang der Straße sehen wir schon im gesamten Verlauf der Reise immer jede Menge Tiere, zumeist Katzen und Hunde, auch viel landwirtschaftlich genutztes Viechzeug (worunter gestern witzigerweise auch zwei Perlhühner waren, also Vögel, die wir vor einem Jahr in Afrika in größeren Mengen freilebend gesehen haben). In der Gegend von Oleszka (also da, wo unsere Sonnencreme liegt) hatten wir heute aber eine nette andere Begegnung, und zwar mit einem Wiesel, welches deutlich vor uns über die Straße gehüpft ist, dann am Straßenrand hockend uns fragend abgeschaut hat und letztendlich doch ins hohe Gras verschwunden ist. Nett.

Ansonsten haben wir mehrere Mariä-Himmelfahrt-Prozessionen getroffen, jeweils bestimmt hundert Personen, vorne und hinten von einer offiziellen Person in Warnweste flankiert, die fröhlich singend auf (kleineren) Straßen unterwegs waren. Was dann jeweils in einem netten Gegenseitig-Zuwinken endete.

In Gliwice sind wir dann nicht direkt dem sehr guten Radweg in Richtung der Innenstadt gefolgt, sondern nach Norden abgebogen, um den dort liegenden Radioturm von Gliwice anzuschauen. Dieser wurde 1934 errichtet und ist mit seinen 118 Metern der höchste Holzturm der Welt. Hier wurde im August 1939 von der SS ein angeblicher Überfall von polnischen Soldaten auf den Sender inszeniert – eines (aber das bekannteste) von zahlreichen ähnlichen Ereignissen, welche als Vorwand verwendet wurden, um den deutschen Überfall auf Polen zu rechtfertigen. Der Turm steht heute auf einer hübschen Freianlage. Wir machen eine längere Pause und schauen uns dann nach einer tiefer gehenden Dokumentation um, werden aber nicht fündig. Zu spät lesen wir im Hotel, dass es in der Tat eine Außenstelle des Gleiwitzer Museums gegeben hätte, wir aber wohl an der falschen Seite des Gebäudes nach dem Eingang geschaut haben.

Über dicht befahrene Straßen, im Wettstreit mit Ortsbussen und auf der Route liegenden Baustellen erreichen wir unser fast direkt an der Innenstadt liegendes Hotel. Bisher hat Gliwice nicht den besten Eindruck bei uns hinterlassen. Das ändert sich aber im Verlauf eines spätnachmittaglichen Stadtspaziergangs. Die schöne Altstadt ist halt nicht durchgehend so perfekt hergerichtet und renoviert, wie in bekannteren Ortschaften, die wir im Verlauf der Reise schon besucht haben (zum Beispiel Prag). Dafür ist alles angenehm untouristisch.

Tageskilometer: 90.16, Gesamtstrecke: 995 km

Breslau – Opole

Nach dem sehr guten Hotelfrühstück (es wird damit beworben, 100 verschiedene Artikel zu beinhalten), checken wir aus. Unsere Räder tauchen wieder aus dem Keller auf, und wir können uns wieder in den Sattel schwingen.

Noch wollen wir Breslau nicht verlassen, sondern noch einer weiteren Sehenswürdigkeit einen Besuch abstatten. Wir durchqueren den Park Juliusza Slowackiego, den wir gestern schon zu Fuß durchquert haben und überqueren dann die Oder auf der Grünwaldbrücke, fahren vorbei an der Technischen Universität und gelangen so gegenüber vom Zoo zur Jahrhunderthalle. Diese wurde 1913 zum hundertsten Jubiläum der Völkerschlacht gebaut und war damals die größte freitragende Hallenkonstruktion der Welt (@Andrea: Erinnerst du dich noch an „Bauten, die die Welt nicht braucht“?). Auch heute noch ist sie ein äußerst beeindruckendes Gebäude.

Wir fahren durch ein sehr grünes Stadtviertel weiter nach Osten und überqueren dann die Oder auf einem Wehr. Kurz darauf erreichen wir einen Kanal mit Schleuse. Der Weg über diese Schleuse ist so schmal, dass wir unsere Fahrräder mit Packtaschen nur getragen auf die andere Seite bekommen.

Unsere Route folgt nun ersteinmal auf einem Damm dem Kanal, an dessen Ufer es sich verschiedene menschliche und tierische Fischer für den Tag bequem gemacht haben. Dann geht es immer in einiger Entfernung parallel zur Oder durch Schwemmwiesen und Felder, manchmal auch Wälder. Zunächst auf Asphalt, dann auf einem Feldweg von wechselnder Schlechte: es wechseln sich ab Betonplatten (jawohl Platten), mit Pfützen durchsetzter matschiger Waldboden und von ausgetrockneten Pfützen durchlöcherter extrem grobkörniger Schotter.

Bei Kotowice treffen wir wieder auf Asphalt. Dieses Dorf erweist sich als unglaublich ausgedehnt, ohne einen erkennbaren Kern zu haben. Danach geht es wieder über Land. Links von uns immer erkennbar das grüne Band der Auwälder am Oderufer, rechts von uns flache Felder, nur unterbrochen von einzelnen Baumgruppen oder kleineren Ortschaften.

Oława, die erste größere Ortschaft, umfahren wir mehr oder weniger, so dass wir davon nur ein paar Plattenbauten und Papierfabriken sehen – und dann wieder langgezogene Randbezirke, die den Dörfern ringsum gleichen. Hinter Oława geht es dann wieder auf einem eher mittelmäßigen Weg durch einen Wald, bis wir in der nächsten Ortschaft wieder auf Asph… – Kopfsteinpflaster?! Was macht hier Kopfsteinpflaster? Das macht doch gar keinen Sinn! – Das ganze Dorf ist gepflastert und dieses zieht sich über mehrere Kilometer. Wir sind sehr froh, als wir hinter dem Ortsausgang wieder über glatten Asphalt rollen können.

Brzeg grüßt uns schon von weitem durch seine Türme. Wir durchqueren es über den schönen Rathausplatz, dann folgt das übliche Kuddelmuddel aus Industriegebieten und dann geht es weiter über Land mal auf Asphalt, mal über Stock und Stein, durch Felder, Alleen und Wälder. Größtes Highlight der nächsten Stunden ist ein Wald mit uralten Eichenbäumen. Das ist vielleicht ein wenig eintönig, aber auch schön und da alles sehr eben ist, kommen wir gut voran. Zumindest die asphaltierten Abschnitte erweisen sich als wahre Kilometerfressmaschinen.

Im Dorfladen von Narok kaufen wir uns Eis und etwas zu trinken und legen eine kleine Pause ein. So gestärkt können wir die letzten paar Kilometer des Tages in Angriff nehmen. Wir sind nun im deutlich industrialisierteren Oberschlesien angekommen, was schon allein das große Kraftwerk klarmacht, das hier den Horizont beherrscht. Es folgen noch ein paar Betonplatten, dann geht es auf guten Radwegen über die Oder und vorbei an einem Zementwerk und jeder Menge Baumärkte Richtung Innenstadt von Opole.

Wir checken in unser Hotel ein, machen uns frisch und begeben uns dann auf einen Stadtspaziergang. Die Stadt erweist sich als überraschend schön mit einer interessanten Mischung aus alten und neuen Gebäuden und sehr viel öffentlicher Kunst. Nach einem guten Abendessen am Rynek kehren wir dann müde ins Hotel zurück.

Tageskilometer: 95.36, Gesamtstrecke: 905 km

Breslau

Unseren zweiten Ruhetag verbringen wir in Breslau. Wir schlafen etwas länger aus als normal und nach dem Frühstück schauen wir uns zuerst den Bereich um den Rynek noch einmal genauer an.

Es sind zu dieser Uhrzeit viel weniger Leute unterwegs als gestern Abend (auch wenn betont werden muss, dass Breslau allgemein um einiges weniger überlaufen ist als es z.B. Prag war. Breslau wird als wenig bekannter Geheimtipp gehandelt, und diese Einschätzung scheint zu stimmen). Von Turm der Elisabethkirche verschaffen wir uns auch einen Überblick von oben auf die Innenstadt. Wurde es südlich vom Rynek sehr schnell trubelig und großstädtisch, so finden wir westlich und nördlich immer neue enge Gassen, schöne alte Gebäude und manchmal auch einen Zwerg. Vorbei am eindrucksvollen Gebäude der Universität kommen wir zu den dreieinhalb in der Oder gelegenen Inseln, deren bekannteste die Sandinsel und die Dominsel sind. Dreieinhalb Inseln deswegen, weil die Dominsel seit der Versandung eines Seitenarms der Oder gar keine echte  Insel mehr ist. Wie der Name schon andeutet, befindet sich hier der (größtenteils) gotische Breslauer Dom. Die Gegend um den Dom besteht aus vielen engen Gassen – einfach toll.

Es hängen auch Fotos aus, die den Zustand dieser Gegend um 1945 dokumentieren, als die Stadt in einer absolut sinnlosen Aktion zur „Festung Breslau“ deklariert wurde und von den Sowjets zur Eroberung dieser Festung mehr oder weniger jedes einzelne Haus zusammengeschossen wurde. Eigentlich erstaunlich, dass sich die (ja komplett neue) Bevölkerung nach dem Krieg die Mühe gemacht hat, zumindest die Innenstadt so originalgetreu wieder herzurichten.

Vorbei am Nationalmuseum laufen wir zurück zum Hotel und nutzen bis zum Abendessen den Pool unseres Hotels.

So, nun folgt das zweite der angekündigten Essays zu technischen Themen, heute zur Routenplanung. Als ersten Schritt der Planung kann man sicherlich „München“, „Prag“ usw. in den präferierten Routenplaner eingeben und wird eine schön kurze, aber nicht unbedingt Fahrrad-geeignete Route erhalten (fairerweise muss man hier erwähnen, dass Google Maps für einige Länder einen Routingmodus für Fahrräder anbietet).

Also in der zweiten Iteration Routen auf geeignetem Kartenmaterial zusammensuchen und dann in Google Maps nachbasteln. Für Sachen wie den Donauradweg gibt es geeignete Karten in Papierform sehr schön aufbereitet vom Verlag Esterbauer (bikeline), für unsere Route aber hätten wir sicherlich mehrere Kilogramm Papierkarten benötigt. Also wieder im Internet nach Lösungen schauen. Hier bietet sich das Open-Source-Projekt OpenStreetmap an bzw. dessen genialer Ableger OpenCyclemap. Letzterer kombiniert die Basiskarten des Projekts mit Informationen zu Radwegen und den wichtigsten regionalen und überregionalen Radrouten. Also haben wir begonnen, unsere Route mit OpenCyclemap zu planen und dann in Google Maps zusammenzubasteln. Eine ziemliche Fummelei und zudem hat Google Maps ein Limit an benutzerdefinierten Wegpunkten, welches für die vernünftige Planung von bis zu über 100 km langen Etappen viel zu klein ist.

Nach einigem Suchen haben wir dann die eierlegende Wollmilchsau gefunden, und zwar online-Routenplaner, welche auf OpenCyclemap basieren und zudem beliebig viele Wegpunkte zulassen. Es gibt mehrere solcher Seiten; wir kommen am besten zurecht mit Naviki. Dieser Routenplaner ist der online-Teil zu einer App für Smartphones, lässt sich aber auch stand-alone verwenden, um Tracks zu basteln und zu verwalten.  Speziell Naviki bevorzugen wir deswegen, weil das Gefühl des „Umherzupfens“ von Wegpunkten einfach genial intuitiv ist. Und wenn – wie gesagt – auf der angezeigten Karte schon so Dinge wie der Elberadweg nördlich von Hradec Kralove eingezeichnet sind, ist es kinderleicht, schöne Etappen auf kleinen Sträßchen zusammenzubasteln. Was dann mit diesen zusammengebastelten Etappen geschieht, wird das Thema des nächsten Technik-Essays sein…

Ab morgen fahren wir weiter in Richtung Südosten und der dritte Ruhetag soll in Krakau stattfinden.

Bielawa – Breslau

Nach dem Frühstück (dieses findet stilecht im Speisesaal der Villa statt; hier haben wir gestern auch zu Abend gegessen) zahlen wir und wollen aufbrechen. Das verzögert sich allerdings etwas, da unsere Räder nicht – wie während der Nacht von vorgestern auf gestern – irgendwohin gestellt worden sind, wo wir sie selber in Empfang nehmen können. Stattdessen muss erst ein Mensch herbei geholt werden, der sie auf magische Weise herholt (und dafür nicht einmal ein Trinkgeld haben will).

Wir rollen bergab durch die Innenstadt von Bielawa, können dabei kurz einen Blick auf die Kirche wagen, deren kupferfarbenes Dach schön im Licht der Morgensonne leuchtet. Hinter der Stadt führt unsere Route abenteuerlich über Schotter vorbei an ärmlichen Häusern nach Dzierżoniów, einer Stadt ähnlicher Größe wie Bielawa – hier kommen wir aber direkt durch die schöne Altstadt mit den historischen Marktplatz.  Ein Stück nach Osten auf der großen Straße 385, die wir kurz bei Uciechów und endgültig bei Kołaczów verlassen, wo wir nach Norden auf wieder deutlich kleinere Sträßchen abbiegen. Vor uns liegt eine Hügelkette, welche wir an ihrem östlichen Rand überqueren müssen. Aufgrund des charakteristischen Ausschlags im Höhenprofil der heutigen Etappe haben wir dieser Stelle den Namen „der Pickel“ gegeben. Das Ganze entpuppt sich als mittelhoher und nicht allzu anstrengender Hügel, an dessen Nordseite wir in die schlesische Ebene rollen.

Die Gegend hier ist stark landwirtschaftlich geprägt, überall sehen wir Leute auf dem Feld arbeiten. Die Dörfer sind eine interessante Mischung aus alten Häusern und – am Rand – modernen Villen, teilweise in einem tendenziell etwas recht überladenen und verkitschten Stil.

Bei Tyniec Mały kommen wir schnell in den direkten Einzugsbereich vom Breslau, was sich darin äußert, dass wir auf einmal auf einem extrem dicht befahrenen Autobahnzubringer unterwegs sind (aufgrund der „Maut“-Hinweisschilder befürchten wir einmal sogar kurz, auf die Autobahn selber geraten zu sein). Es folgt eine streßige Fahrt durch ein Industriegebiet mit gigantischen Einkaufszentren, gegen das sämtliche ähnliche Dinge im Umkreis von München (z.B. in Eching) winzig wirken. Hier kehren wir in einem Fast-Food-Lokal ein und befürchten das Schlimmste für die Fahrt nach Breslau selber. Glücklicherweise wird es dann viel besser als gedacht: In den Randbezirken sind die Radwege halbwegs akzeptabel, aber im inneren Bereich der Stadt sind sie wirklich toll. Dennoch ist die Navigation schwierig und wir sind froh, als wir heil unser Hotel ereichen.

Den späten Nachmittag verbringen wir zunächst damit, den zentralen Platz der Altstadt (den Rynek) anzuschauen. Nettes Detail: Über ganz Breslau sind mehr als hundert kleine Statuen von Zwergen verteilt. Diese sollen an Demonstrationen der Oppositionsbewegung „Orange Alternative“ in der 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erinnern, zu denen einige Teilnehmer im Zwergenkostüm auftauchten.

Zudem schauen wir uns südlich der Innenstadt um, wo wir den schön restaurierten alten Bahnhof (erbaut 1855 und 1904 erheblich erweitert und umgebaut) besuchen sowie – ein gutes Stück weiter südlich – den zentralen jüdischen Friedhof, auf dem unter anderem Ferdinand Lasalle begraben ist. Ein Ort der Ruhe im Trubel der Stadt, aber auch ein extrem bedrückender Ort in Anbetracht der geschehenen Geschichte (die aktuellsten Grabinschriften sind von 1941).

Auf dem Rückweg in die Innenstadt kommen wir an der sehr interessanten Skulptur „Passage“ vorbei, wo Passanten auf der einen Straßenseite im Bürgersteig verschwinden und auf der anderen Seite wieder auftauchen. Auch dieses Kunstwerk hat eine politische Bedeutung, denn es wird als Erinnerung an das im Dezember 1981 ausgerufene Kriegsrecht und die damalige Untergrundbewegung gesehen.

Zurück in der Innenstadt essen wir in einem sehr guten Restaurant Piroggen zu Abend und gehen dann müde zurück ins Hotel.

Tageskilometer: 73.45, Gesamtstrecke: 809 km

 

Duszniki Zdroj – Bielawa

Unsere Fahrräder, die wir gestern nach Absprache mit der Rezeptionistin eigentlich vor der Tür haben stehen lassen, durften die Nacht im Speiseraum des Restaurants verbringen, wo wir sie nach einem reichhaltigen Frühstück (in Polen mag man es wohl schon morgens deftig) wiederfinden. Wir verlassen die Stadt nach Osten auf einem schmalen Sträßchen. Zu behaupten, dieses hätte Schlaglöcher, wäre eine Untertreibung: die Straßenoberfläche ist ein buntes Flickwerk aus Schlaglöchern, verfüllten Schlaglöchern und Rissen quer und längs zur Fahrtrichtung. Dass sie durch einen Laubwald führt, macht die Sache nicht unbedingt einfacher, ist doch im Morgenlicht schwer zu erkennen, was Schattenwurf und was Loch ist.

Bald treffen wir wieder auf die Schnellstraße, die wir aber gleich darauf wieder verlassen. Hier haben wir mitten im Wald die Begegnung mit einem seltsamen Tier – das sich bei näherer Betrachtung als Dackel entpuppt. Wir fahren nun parallel zu Eisenbahn durch ein waldiges Tal bis nach Polanica Zdroj, ein weiteres altes Kurbad. Hinter dieser Stadt wird die Landschaft offener. Es geht nun wieder über Felder. Schließlich erreichen wir Klodzko, eine schöne Stadt, die von einer mächtigen Festungsanlage dominiert wird.

Nachdem wir es durchquert haben, geht es weiter bergauf-bergab durch Felder und Wälder. Etwas ärgerlich ist die Durchquerung eines Flusstals, wo es erst mit 10% Gefälle bergab geht, nur um auf der anderen Seite wieder mit 11% Steigung hinauf zu gehen. Hinter Bardo müssen wir wieder ein kurzes Stück auf die Schnellstraße. Bei dem starken Verkehr, vor allem auch von Lastwagen, sind wir froh, als wir diese wieder verlassen können.

In einem winzigen Dorfladen (selbst heutzutage, zu den Zeiten der großen Supermärkte, gibt es hier in fast jeder Ortschaft einen solchen Laden, mit teilweise nur wenige Quadratmeter großem Inneren) kaufen wir uns kalte Getränke und machen eine kurze Rast. Die nächsten Kilometer sind zwar relativ eben, doch ein guter Gegenwind macht sie extrem anstrengend. Wir sind nun in einem weiten Tal mit niedrigen Hügelketten auf beiden Seiten, auf denen wir auch eine Burgruine entdecken. Wir kommen durch einige Dörfer mit bunten Blumengärten und hübsch renovierten Kirchen.

Unser Tagesziel Bielawa unterscheidet sich eigentlich hauptsächlich durch die Größe von den vorherigen Dörfern. Unser Hotel liegt etwas außerhalb und ist in einer ehemaligen Industriellenvilla aus dem Jahr 1901 untergebracht. Beim Check-In werden wir zum ersten Mal gefragt, ob wir tatsächlich die ganze Strecke von Deutschland her mit dem Fahrrad gekommen sind. Unsere Fahrräder werden liebevoll versorgt, wir machen uns frisch und erholen uns den restlichen Nachmittag über im wunderschönen Park des Hotels.

Tageskilometer: 69.27, Gesamtstrecke: 736 km